Dienstag, 4. Mai 2021
Trauma Tagebuch. Lektion 6
Es geht schnell voran, vielleicht wie mit dem Pflaster, das man abzieht. Die Themen kommen mir näher, aber ich fühle mich gut damit. Ich habe mir das nächste Thema durchgelesen und festgestellt, dass ich Teile bereits geschrieben habe, gestern, oder heute.

Es geht um die Stimme, und die Annahme, dass Opfer von Gewaltverbrechen das Gefühl haben, man habe ihnen ihre Stimme genommen. Oder die umgekehrte Sichtweise: Unsere Umgebung sei nicht in der Lage, uns zu hören. Das sehe ich nicht so. Meine Umgebung hört nichts, weil ich nichts sage, und das ist erst einmal eine bewusste Entscheidung. Die - und das gebe ich zu - eventuell so getroffen wurde, weil ich weiß, dass ich nicht sprechen kann. Dennoch habe ich nicht das Gefühl, mir sei die Stimme genommen worden. Eher die Würde, und das Vertrauen, und das ist nichts, was ich teilen möchte. Aber ich sollte, zumindest an einzelnen Stellen. In dem einen Anlauf, den ich nahm, habe ich vielleicht zu Unrecht direkt die Botschaft mit transportiert, dass wir nicht darüber sprechen werden. Aber das ist unfair. Das sehe ich jetzt. Die Info, man sei manchmal ein wenig komisch, weil man dummerweise Opfer eines Überfalls geworden ist, bitte merken, nächstes Thema, das funktioniert so nicht. Ich habe überhaupt gar keine Idee, wie diese Information angekommen ist. Wir haben uns nicht gesehen. Ich weiß nicht, was es ausgelöst hat, ob es etwas ausgelöst hat, ob es dazu geführt hat, dass er mich besser versteht, ob es ihn abgestoßen hat, ob er mich bemitleidet hat, was ich nicht ertragen könnte, ich bin keine bemitleidenswerte Person. All diese Fragen kann ich nicht beantworten. Es hat nicht dazu geführt, dass er den nächsten Beißreflex erträgt, dass er wartet, bis aus der irrationalen Angst > Wut > Flucht Reaktion Einsicht und Bedauern wird, dass er mit mir darüber spricht, was das auslöst, dass er sich entscheidet, das auszuhalten. Ich verstehe das gut. Solange ich nicht sagen kann, was ich benötige, bleibe ich unberechenbar, irrational und aggressiv. Das ist aber nur die Form an der Oberfläche. Darunter möchte ich anders sein, ich empfinde auch anders, aber ich komme sehr leicht an einen Punkt, an dem ich wie im Autopilotmodus sehenden Auges dafür sorge, dass lieber ich die bin, die um sich haut, als dass ich warte, dass ich gehauen werde. Und mit Sicherheit würde ich nicht gehauen. Ich weiß das. Deshalb nenne ich es einen Reflex. Ich weiß, dass es falsch ist, aber wenn ich befürchte, dass jemand angreift, bin ich lieber schneller. Das ist falsch. Kann man auch mal aufschreiben, ist ja Therapie hier. Ich mag den Begriff "Trigger" nicht. Aber vermutlich ist es das. Und ich habe noch kein gutes Gefühl dafür, was es ist, das mich triggert, wenn ich eigentlich nahbar sein möchte. Selten genug.

Die Aufgabe lautet genaugenommen: Schreibe etwas zu den drei Satzanfängen

1) This is what my voice could do...
2) This is what my voice could not do...
3) This is what I wish my voice could have done...

Vermutlich wäre es gut, sich an der Form festzuhalten. Aber so einfach ist es nicht. Ambiguität, to begin with. Soll ich darüber nachdenken, was meine Stimme früher konnte? Oder was meine Stimme rein theoretisch könnte? Ich weiß es nicht. Ich nehme den Konjunktiv. Ich wünschte, meine Stimme könnte mich mitteilen. Wovor ich Angst habe, dass ich weiß, dass die Angst unbegründet ist, dass ich viel lieber einfach zusammen an die Decke gucken würde, dass ich nicht streiten will, dass ich aber auch nicht angegriffen werden will, dass ich daran arbeite, zu erzählen, dass ich dafür Rahmenbedingungen bräuchte, dass ich kein Opfer sein möchte und nicht wie eines betrachtet werden möchte. Dass ich Ruhe möchte, aber gemeinsam.

Was meine Stimme nicht tun könnte, ist schwer zu sagen aus der Position heraus, dass die Stimme bislang ja nun gar nichts tun kann. Ich glaube nicht, dass sie Details erzählen könnte. Ich kann mich an viele Details erinnern, die vornehmlichste Erinnerung sind Schmerz, Geruch und der Unglaube, dass ich vollkommen handlungsunfähig bin. Das könnte ich erzählen. Wichtiger wäre es aber, wenn meine Stimme lernen könnte, was das aus mir gemacht hat. Mit mir. Und dass ich mit aller Kraft bereit wäre, zu verarbeiten. Nicht zu vergessen. Das werde ich nicht. Aber zu lernen, nicht nur einfach weiterzumachen, das war bisher der Fokus. Zu lernen, Menschen an mich ran zu lassen. Weil ich das vermisse. Ich weiß nicht, ob meine Stimme das könnte.

Was ich mir wünschte, was meine Stimme hätte tun können: Schreien.

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