Dienstag, 4. Mai 2021
Trauma Tagebuch. Lektion 5
"Take a few moments and just write, one after another, some of the messages you've received about survivors of whatever trauma you experienced (or survivors
in general), such as "She asked for it by the way she was dressed" or "He shouldn't have been in that neighborhood at night" or "If only you didn?t make him mad."

Okay. Keine leichte Aufgabe, ich habe nämlich in den letzten Jahren bewusst sehr wenig Zeit mit dem Thema verbracht. Ich weiß zum Beispiel überhaupt gar nichts über die Metoo Debatte. Nichts. Ich habe das ganze Thema stummgeschaltet und ausgeblendet. Ich habe im letzten Jahr allerdings begonnen, sehr viel, nun ja, Wut zu entwickeln auf alle Umstände, die dazu führen, dass das Thema überhaupt in der Welt ist.

Es ist vollkommen scheißegal, wie sich eine Frau kleidet. Nichts in der Welt rechtfertigt es, sich auch nur über die normale Abstandszone hinaus ihr zu nähern. Nichts. In was für einer Welt leben wir denn, wenn wir ernsthaft darüber nachdenken, ob eine Frau selber Schuld ist, dass ihr Gewalt angetan wird, weil sie einen kurzen Rock trug? Und was ist das für ein Männerbild, das suggeriert, dass "der Mann" sich nicht unter Kontrolle hat, sobald er einen kurzen Rock sieht? Ich trug ein Kleid. Eine Vergewaltigung hat überhaupt gar nichts mit Sex zu tun. Gar nichts. Es ist die Ausübung von Macht und das Nehmen jeder Würde. Kein Sex.

?If only you didn?t make him mad.? Der Satz trifft mich. Nicht, weil ich ihn jemals gehört hätte, sondern weil ich mich immer wieder selber frage, ob das denn alles nötig gewesen wäre. Ich hätte mir das alles ersparen können, und ich könnte jetzt in diesem Moment irgendetwas ganz Tolles machen, vielleicht mit einem Bekannten, eventuell wäre es sehr nett. Stattdessen schreibe ich ein Trauma Tagebuch. Und dennoch würde ich - das sehe ich manchmal in anderen Situationen - mich vermutlich wieder in die Situation bugsieren. Nicht klein beigeben, sich nicht unterordnen, gegenhalten, im Zweifelsfall sogar für eine Verurteilung sorgen. Denn in der Sache ist das richtig. Aber es gibt keinen Zeugenschutz.

Ich würde wieder so handeln. Zumindest denke ich das. Und ich würde wieder Gefahr laufen, dass ich meine Strafe bekomme. Einen Menschen zu vergewaltigen oder vergewaltigen zu lassen, ist eine sehr nachhaltige Strafe. Oder besser Rache. Es signalisiert bei großer Brutalität auf eine nicht mehr zu hinterfragende Weise, dass das eigene Leben in der Hand Anderer liegt. Dass es eine bewusste Entscheidung der anderen Person ist, ob man leben darf oder nicht. Dass man noch mal Glück gehabt hat, wenn man wieder gehen darf. Dass man sein Leben zwar mitnehmen darf, seine Würde aber nicht mehr. Die ist weg. Genommen. Und wenn man nicht spurt, gibt's die zweite Runde? Ja, vermutlich.

Es ist nicht zu ertragen, dass es eine Betrachtungsweise gibt, die einen legitimierenden Kontext einräumt. Man kann nichts tragen, was rechtfertigt, dass man angegriffen wird, und man kann nichts tun, das rechtfertigt, dass einem die Würde genommen wird. Dass die Frage, ob man noch weiterleben darf, von einem anderen Menschen entschieden wird. Das ist nicht zu ertragen.

Es gibt eine Grafik. "Was ist für Frauen gefährlich?" Ein Pie Chart. Mögliche Antworten: Park, Tiefgarage, kurzer Rock, zuviel Alkohol, Vergewaltiger. Auf den Vergewaltiger fallen 100%.

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