Dienstag, 4. Mai 2021
Trauma Tagebuch. Lektion 4
Überspringen gilt nicht. Also los. Die Aufgabe ist: Man soll ein Körperteil austauschen durch irgendein Körperteil eines Tieres und dazu schreiben, was aus einem herauskommt. Man wacht morgens auf, und plötzlich ist das Körperteil ersetzt. Immerhin nur ein Körperteil, nicht wie Gregor Samsa.

Ich habe eine Zeit lang darüber nachgedacht, welches Körperteil ich ersetzen müsste oder wollen würde, und welches Tier da gut einspringen könnte. Ich bin mir nicht sicher, dass dieser Ansatz Sinn der Sache war, aber so komme ich zumindest weiter.

Ich stelle mir also vor, eines Morgens wache ich auf und mein Herz ist ersetzt durch das einer Löwin. Im Prinzip ist es in der Funktionalität gleich. Es pumpt Blut durch meinen Körper, ohne Unterbrechung, rhythmisch, am laufenden Band. Ich bemerke keinen Unterschied, es ist alles wie immer. Beim Frühstück bemerke ich eine eigenartige Traurigkeit. Ich habe jemanden weggebissen. Ein Reflex. Angst > Wut > Flucht, zum zweiten Mal hintereinander, irreparabel. Mit dem neuen Herzen, das nicht nur mutiger ist als das alte, sondern das sich Nähe wünscht, ist das noch weniger nachvollziehbar, als es mit dem alten, angstbeißenden Herzen gewesen wäre. Das Löwenherz kann Nähe zulassen, kann sich öffnen, kann Dinge einordnen, kann einschätzen, wann Gefahr wirklich droht und sie nicht nur reflexartig im Rückenmark empfunden wird. Kann großherzig sein. Kann liebevoll sein. Kann die Jungen verteidigen, wenn es darauf ankommt. Kann immer und ausnahmslos mutig sein, ohne dass das anstrengend wäre, dass man vor Schwindel kaum mehr auf den Beinen bleiben kann, dass man Zuneigung empfindet und aber auch versteht, wenn Sie einem entgegengebracht wird. Nie würde das Löwenherz grundlos beißen, nur weil es sich in einer völlig irrationalen Bedrängnis sieht. Es würde ruhig und gütig sein Gegenüber anschauen, würde sanft formulieren, was es sagen wollen würde und dann einen Schritt zurück machen. Das alte Herz hat, nachdem es sieben Jahre nur zum Pumpen von Blut benutzt worden war, entschieden, sich in klarer und offener Kommunikation zu üben, nun, da es eine Situation gab, in der es sich auch mal mit neuen Gegebenheiten auseinandersetzen musste. Das hat nur so halb geklappt. Viele Dinge, die die weit weg waren vom ihm, konnte das alte Herz souverän und klar kommunizieren, doch immer wieder gab es Situationen, die ohne das Bewusstsein um den Zustand nicht einzuordnen waren. Situationen, in denen das Herz hätte erklären können, warum es so reagiert, es aber nicht tat, weil die relevante Information nicht gesagt war. Irgendwann war das Herz mutig, eher verzweifelt, dann mutig, und hat den groben Kontext eingeordnet. Zum ersten Mal. Das erste Mal eine sehr oberflächliche Einordnung geteilt. Und dann - nichts. Angst, Sorge, Wut, Scham, Hass, mehr Scham, Angst vor Mitleid, Angst vor Abstoßung, Angst vor der ungewünschten Opferrolle - und nichts. Das neue Herz hätte darüber sprechen wollen. Wie es ihm geht, wovor es sich sorgt. Welche Reaktion es sich wünscht. Dass es in den Arm genommen werden möchte, weil es üben will, das zuzulassen. Es hätte darum gebeten, offen, um ein Treffen, um zu gucken, mit welchen Augen es angesehen wird. Was sich geändert hat. Ob die Sorgen gerechtfertigt sind. Oder ob das, was es sich eigentlich erhofft hat, nämlich dass es vielleicht in Teilen verstanden werden kann, vielleicht eingetreten ist. So - nichts. Das neue Herz hätte das Thema sachlich besprechen können, wäre mutig genug gewesen, zu erzählen, was es denkt, hätte sagen können, was es braucht. Das alte Herz hat sich drei Wochen zu einem harten Knoten verkrampft und dann final zugebissen. Mit dem Gebiss einer Löwin, Herz wäre besser gewesen.

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