Montag, 3. Mai 2021
Trauma Tagebuch. Lektion 1
Ich soll etwas dazu schreiben, warum ich das schreibe. Ziel soll es sein, die Finger aufzuwärmen, sich an die Idee zu gewöhnen, etwas zu Papier zu bringen. Das ist nicht mein Problem, ich schreibe regelmäßig und flüssig. Ich kann nicht sprechen, und ich kann viele Dinge nicht denken. Das ist ein viel größeres Problem. 7 Minuten soll ich mir Zeitnehmen für diese Aufgabe, die Stoppuhr läuft. Noch 5.30.

Vielleicht muss ich gar nichts tun, das wäre akzeptabel, ich habe jahrelang gar nichts getan. Therapie, ja. Aber das ist anders. Distanz. Was nicht geht: Nähe. Hat mir auch nicht gefehlt, 7 Jahre lang. Für jedes Jahr eine Minute.

Doch irgendwann laufen die Motoren wieder an, ob man will oder nicht. Und dann kommt der komische Moment, an dem man gleichzeitig nichts mehr UND weniger möchte als Körperkontakt, als jemanden, an den man sich lehnt. Und dann wird es einer gewahr. Man kann das nicht mehr. Man reagiert unberechenbar, permanent, ist starr und stocksteif, permanent, wird ungerecht und irrational. Permanent. Und dann geht man wieder und sieht ein: Das ist nicht mehr Teil meines Lebens. Ich werde nie mehr in irgendeinem Arm liegen. Ich werde nie mehr mit einem Mann schlafen. Ich werde nie mehr mit irgendjemandem schlafen. Ich werde nie mehr von irgendjemandem berührt werden. Noch eine Minute. Und dann ist man gleichzeitig traurig und erleichtert. Ist doch prima, haben wir das auch geregelt. Und doch: Ich möchte in den Arm. Manchmal möchte ich das. Teile von mir zumindest. Aber der Teil, der die Reflexe auslöst, irgendwo im Rückenmark. Der kann das nicht.

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