Montag, 3. Mai 2021
Trauma Tagebuch. Lektion 3
Ich bin zu schnell, so wird das nix, aber ich möchte nicht warten, ich möchte aufschreiben. Lektion 3 ist "die zweite Woche", ich habe vor vier Stunden begonnen. Egal, ich möchte jetzt nicht eine Woche warten. Ich mache weiter.

Man soll über seinen Körper schreiben, und wie dieser auf Gefühle reagiert. Angst, Lust, Trauer, Freude, Wut, oder andere. Ich habe 15 Minuten, das ist viel. Aber das Thema strengt mich an, ich habe kurz überlegt, doch auf nächste Woche zu schieben, aber den Gedanken verworfen.

Mein Körper hat schon immer sehr stark auf Dinge reagiert. Innen und außen. Ich habe sehr empfindliche Haut, muss immer aufpassen, seit ich ein Kind bin. Und mein Körper regt sich, wenn ich etwas empfinde. Freude wird zu Bewegung. Ich muss mich mit den Armen wackelnd freuen, ich mache Musik an, tanze, laufe schneller, bewege mich rhythmisch. Stillsitzen und freuen fühlt sich falsch an, als müsste es raus, als müsste ich auch nach außen Freude symbolisieren. Ähnlich ist es mit Trauer. Wie ein Ball eingerollt trauert es sich am besten, dann fühlt es sich echt an. Ich habe vorgestern mein Bett komplett leergeräumt, mich mittig mit ausgebreiteten Armen und Beinen diagonal auf das Doppelbett gelegt und dabei getrauert. Ich habe mich nicht eingerollt, obwohl ich das so gerne hätte tun wollen. Doch das hätte sich angefühlt wie Aufgeben. Sich hingeben, der Trauer. Da ist nichts Selbstbestimmtes mehr, wenn man sich von dem Gefühl mitnehmen lässt. Auf dem Rücken, ausgebreitet, wie der Vitruvianische Mensch. Ich trauere, aber hocherhobenen Hauptes. Nicht immer. Aber jetzt. Wut ist etwas, was ich deutlich weniger schlecht steuern kann. Wut bricht sich Bahn, und währenddessen weiß ich, dass ich das hinterher bitter bereuen werde. Aufhalten kann ich es nicht. Ich werde selten wütend, aufbrausend und manchmal scharf in der Reaktion, ja, aber echte Wut ist immer die Antwort darauf, wenn jemand mich verletzt. Wenn ich angstbeiße. Was ich tue, wenn ich mich bedrängt fühle. Angst. Angst hat mich gelehrt, dass meine Reaktionen mich verlassen, wenn ich sie brauche. Wenn ich Angst bekomme, bewegt sich nichts mehr. Ich höre mein Herz, ich spüre, wie ich atme, aber ich kann mich nicht mehr bewegen. Ich kann nicht laufen, schreien, reden, mich wehren. Nichts mehr davon. Ich kann nur noch sein. Das ist eine unschöne Feststellung. Dass ich nicht mehr handlungsfähig bin. Dass ich kein Veto einlegen kann. Dass ich mir nicht selber helfen kann. Dass ich mich nicht auf mich verlassen kann, da mein Körper sich verweigert. Dass es undenkbar wäre, Arme oder Beine zu bewegen, etwas zu sagen, oder laut zu rufen. Manchmal wache ich nachts auf, weil in der Wohnung ein Geräusch war, Hund, Kind, Katze. Und dann denke ich, dass vielleicht jemand in der Wohnung sei, und dann warte ich. Minutenlang, manchmal stundenlang. Liege regungslos und warte. Der Reflex ist stärker als das Programm, das einer Mutter hilft, die Kinder zu verteidigen, denn das tue ich nicht. Ich liege und warte. Mein Körper reagiert auf Angst stärker als auf den Mutterinstinkt. Das ist eigentlich unfassbar. Tragisch. Ich sehe mich so nicht, und ich möchte so auch nicht sein. Ich umgehe die allermeisten Sitationen, in denen ich Angst habe. Ich gehe nicht im Dunklen alleine raus, ich versuche, Tiefgaragen zu meiden. Wenn die Angst nicht bedrohlich ist, kann ich sie kompensieren. Dann werde ich sehr entschlossen, meine Bewegungen werden zackig. Fahrig. Ich laufe schnell und bestimmt, drücke das Kreuz raus, Schultern zurück, Kopf hoch. Ich zwinge meinen Körper, souverän zu wirken, und wirke... fahrig. Wenn ich mich in einer solchen Situation darauf konzentriere, nicht fahrig zu sein, weil ich weiß, dass ich bei einer Person gut aufgehoben bin, dann werde ich still. Ganz ruhig. Erst außen, dann innen. Aber dann bin ich auch keine gute Gesellschaft. Da ich nicht rede, da ich nichts mache. Jeder Satz kostet Kraft, der Körper möchte sich ausruhen, manchmal wird mir durch die Anstrengung so schwindelig, dass ich nicht mehr laufen kann. Vielleicht eine Frage des Innenohrs. Vielleicht des Kopfes. Lust ist ein abseitiges Thema, eher Kür als Pflicht. Vor einem halben Jahr habe ich das allererste Mal den Wunsch gehabt, einer Person nahe zu sein. Mit allen Konsequenzen. Und obwohl ich einen großen Teil der Zeit fahrig oder ruhig und schwindelig verbracht habe, hat die Lust sich Bahn brechen können. Was ich nicht erwartet hatte. Worauf ich mich nicht vorbereitet hatte, obwohl ich wusste, dass wir ein Bett teilen werden, dass wir uns berühren werden. Es war großartig, drei Tage lang, die ich immer ruhiger werden konnte. In denen ich eine Erinnerung hatte an die Zeit, in der mein Körper noch einfach war. Leicht. In denen ich wegatmen konnte, wenn ich starr geworden bin, und einfach enger ranrutschen konnte, um mich gut zu fühlen. Im gleichen Atemzug auch ein Rückschlag, denn ich habe es nicht in mir, das zu reproduzieren. Distanz. Meine Reflexe, die immer wieder falsch ausschlagen. Angst > Wut > Flucht. Und von vorne.

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Trauma Tagebuch. Lektion 2
Man soll aufschreiben, woraus man ist und was das bedeutet. Im Beispiel ist jemand aus Wäscheklammern und Clorox. Eine Zeitangabe gibt es dieses Mal nicht, das ist vielleicht auch gut so, ich habe nämlich keine Ahnung, woraus ich bin. Aber auch das soll man aufschreiben. Ich sage häufig im Spaß, ich sei aus Stein, das Gegenteil scheint mir der Fall zu sein. Vielleicht aus Staub, viele mikroskopisch kleine Einzelteile, die zusammen einen formlosen Haufen ergeben. Nein, das ist zu hart. Und es gibt etwas, was mich zusammenhält. Ich bin insgesamt zusammengehalten. Aber es gibt Ausnahmen. Vielleicht bin ich aus Papier. Papier trägt Worte, ja, das bin ich. Papier kann schön sein, Freude bereiten mit seinen Worten, kann schlau sein, kann stark sein. Aber Papier brennt schnell. Und zerknickt. Und reißt ein. Papier trägt kein Gewicht, wenn es nass wird, wird es sofort rissig, brüchig, die Worte werden unleserlich, es gibt keinen Kontext mehr, keinen Zusammenhang, keine Kohärenz. Wenn Papier reißt, kann man es kleben, aber es ist nicht mehr so ansprechend, makellos, man kann es nicht mehr für gut benutzen. Mit Tesafilm mittendurch schreibt man keinen Liebesbrief, keinen Geburtstagsbrief, nicht einmal einen Gruß aus dem Urlaub. Man nimmt dann ein neues Blatt, das alte wird als Schmierpapier benutzt, die Kinder können darauf malen, man schreibt seinen Einkaufszettel darauf, man wirft es weg. Wenn man mit der Kerze zu nah an Papier kommt, fängt es sofort Flammen. Man kann sie löschen, dann ist es beschädigt und wieder unbrauchbar. Für gut. Oder man löscht nicht. Dann brennt es solange, bis nur noch ein kleines Häufchen Asche übrig ist. Ohne Gewicht, ohne Zweck, man kann es für nichts mehr benutzen. Wenn Papier zerknüllt wird, kann man es wieder ausstreichen. Man kann noch lesen, was darauf stand. Aber man kann es nie mehr akkurat falten. Bügeln, manche bügeln Geschenkpapier. Ich habe das noch nie probiert, aber vielleicht ist das auch keine gute Idee, Hitze ist schlimmer als Knicke. Ein Häufchen Asche hat keinen Zweck mehr im Leben, und ich bin mir sicher, noch sehr viele Zwecke zu haben. Ja. Ich bin aus Papier.

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Man soll die Übungen in seinem Tempo machen. Mein Tempo ist immer hoch. Ist das in dem Fall falsch? Ist der Sinn der Sache, sacken zu lassen? Ich habe sehr lange sacken lassen, jetzt möchte ich etwas anderes machen. Ich habe keine Ahnung, aber andererseits will ich doch machen, was ich möchte. Und jetzt möchte ich die zweite Lektion machen, weil die erste sich so anfühlte, als müsse es weitergehen. Nicht erst in drei Tagen. Ich möchte Sachen aufschreiben. Was genau, weiß ich nicht, aber das ist vielleicht das Spannende. Was ich nicht aufschreiben will, weiß ich. An dem Punkt sind wir lange nicht, da kommen wir aber auch nicht hin, wenn ich jetzt alle drei Tage ein paar Sätze schreibe und dann aufhöre. Einmal habe ich Sachen aufgeschrieben. Weil ich mich erklären wollte. Der Brief ist zerrissen worden. In den Mülleimer geworfen worden. Zum Müll.

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Trauma Tagebuch. Lektion 1
Ich soll etwas dazu schreiben, warum ich das schreibe. Ziel soll es sein, die Finger aufzuwärmen, sich an die Idee zu gewöhnen, etwas zu Papier zu bringen. Das ist nicht mein Problem, ich schreibe regelmäßig und flüssig. Ich kann nicht sprechen, und ich kann viele Dinge nicht denken. Das ist ein viel größeres Problem. 7 Minuten soll ich mir Zeitnehmen für diese Aufgabe, die Stoppuhr läuft. Noch 5.30.

Vielleicht muss ich gar nichts tun, das wäre akzeptabel, ich habe jahrelang gar nichts getan. Therapie, ja. Aber das ist anders. Distanz. Was nicht geht: Nähe. Hat mir auch nicht gefehlt, 7 Jahre lang. Für jedes Jahr eine Minute.

Doch irgendwann laufen die Motoren wieder an, ob man will oder nicht. Und dann kommt der komische Moment, an dem man gleichzeitig nichts mehr UND weniger möchte als Körperkontakt, als jemanden, an den man sich lehnt. Und dann wird es einer gewahr. Man kann das nicht mehr. Man reagiert unberechenbar, permanent, ist starr und stocksteif, permanent, wird ungerecht und irrational. Permanent. Und dann geht man wieder und sieht ein: Das ist nicht mehr Teil meines Lebens. Ich werde nie mehr in irgendeinem Arm liegen. Ich werde nie mehr mit einem Mann schlafen. Ich werde nie mehr mit irgendjemandem schlafen. Ich werde nie mehr von irgendjemandem berührt werden. Noch eine Minute. Und dann ist man gleichzeitig traurig und erleichtert. Ist doch prima, haben wir das auch geregelt. Und doch: Ich möchte in den Arm. Manchmal möchte ich das. Teile von mir zumindest. Aber der Teil, der die Reflexe auslöst, irgendwo im Rückenmark. Der kann das nicht.

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